"il mosaico" mit Adrian Oetiker
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Jugendorchester «il mosaico» in Polen

Dieses Jahr fand ein Orchesteraustausch zwischen dem Jugendorchester «il mosaico» aus dem Toggenburg und der «Camerata Scholarum» aus Kielce/Polen statt, Ende Juni waren die Polen in der Schweiz zu Gast und gaben dabei vier Konzerte, zwei davon zusammen mit »II mosaico». Die Mitglieder der «Camerata Scholarum» waren bei Familien untergebracht und konnten neben den Konzerten an organisierten Freizeit-Aktivitäten sowie Ausflügen nach Rapperswil und Luzern teilnehmen. Nun ist auch das Jugendorchester «il mosaico» von seiner Reise nach Polen zurückgekehrt, reich beladen mit Eindrücken eines fremden Landes.

Eindrückliche Konzertreise
Vom 30. September bis 9. Oktober war das Jugendorchester «il mosaico», - Orchester der Kantonsschule Wattwil und der Jugendmusikschule Toggenburg - in der polnischen Stadt Kielce zu Gast. Unvergesslich bleiben die Gastfreundschaft in den polnischen Familien und die offenen Herzen bei den zahlreichen Konzerten im Rahmen des internationalen Festivals-Jeunesse musicale» in Kielce.

Am 30. September begann für die 46 Orchestermitglieder und ihren Leiter Hermann Ostendarp die Fahrt ins Unbekannte. Erste Station der Reise war Kreuzlingen, wo man das Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 von Ludwig van Beethoven im Lehrerseminar in einer Aufführung für die Schüler spielte. Für das Jugendorchester war es ein Glücksfall, dieses herrliche Werk mit einem der besten Schweizer Pianisten, dem St.Galler Adrian Oetiker, zu musizieren.

Abwechslungsreiche Reise
Nach dem gelungenen Auftakt begann die lange Fahrt im Car der Firma Alpstein-Reisen aus Nesslau. Am Samstagmorgen erreichte man in Görlitz die deutsch-polnische Grenze. Bei der Weiterfahrt erhielt die Gruppe die ersten Eindrücke von Polen: eine weite, wenig bewaldete und teilweise öde Landschaft, kaum befahrene Überlandstrassen und viele kleine, zum Teil sehr alte polnische Kirchen. Weil die Fahrt rascher vorwärts ging als erwartet, blieb genug Zeit für einen ausgiebigen Zwischenhalt in Czestochowa. Czestochona ist der berühmtest Wallfahrtsort in Polen und die dortige, «schwarze Madonna» das polnische Nationalheiligtum. So war denn auch das ganze, gross angelegte Areal voller betender Menschen, und die Gottesdienstfeier wurde mit Lautsprechern ins Freie übertragen. Dieser erste Kontakt mit dem starken und lebendigen Katholizismus der Polen hatte für viele etwas Befremdendes.

Ankunft in Kielce
Nach mehr als 20 Stunden Fahrt traf der Car in Kielce ein, wo die Toggenburger von den Musikerinnen und Musikern der «Camerata Scholarum» schon erwartet wurden. Nach der ersten Begrüssungsfreude ging es an das Zuteilen der Schweizer Gäste in die Familien. Es ist eine nicht hoch genug einzuschätzende Leistung unserer polnischen Kollegen, gegen 50 Personen privat unterzubringen.

Besichtigung von Kielce
Am Sonntag standen eine ausführliche Besichtigung der Stadt Kielce sowie eine Probe zusammen mit dem polnischen Orchester auf dem Programm. Kielce ist der Hauptort der Swietokrzyskie Berge, die zu den schönsten Mittelgebirgen Europas zählen. Die Stadt hat 300'000 Einwohner und liegt ungefähr 120 Kilometer nördlich von Krakau. Besonders sehenswert ist der Bischofspalast, der 1971 in ein Museum umgewandelt worden ist, mit seiner reichen Bildersammlung, den kunstvoll verzierten Deckengewölben der ehemaligen Bischofsgemächer und dem reichen Goldschatz.

Begeisterndes Konzert
Der Montag gehörte dann ganz der intensiven Probenarbeit und Vorbereitung auf das abendliche Konzert des Orchesters «il mosaico» im WDK Kielce, einem grosszügig anlelegten Kulturzentrum mit einem grossen Konzertsaal. Eis anspruchsvolle Programm begann mit dem Concerto grosso in d-Moll «Follia» von Francesco Geminiani, der in diesen 23 Variationen über ein portugiesisches Volkslied die virtuosen Passagen der 1. Solo-Violine und dem Solo-Cello anvertraut hat. Gespielt wurden sie in überzeugender Manier von Clara Mühlethaler und Stefan Baumann, die beide mit ihrem Studienbeginn am Konservatorium die ständige Mitgliedschaft beim Jugendorchester beenden. Bei einem Konzert im Ausland durfte ein Schweizer Komponist nicht fehlen. «il mosaico» spielte das «Präludium für Streicher» von Paul Huber, der im Toggenburg aufgewachsen ist und seit vielen Jahren in St. Gallen lebt. Dieses attraktive Stück, voller harmonischer und rhythmischer Spannungen, wurde vom Publikum begeistert aufgenommen. Höhepunkt des Programms bildete das «Konzert für Klavier, und Orchester» Nr. 3 in c-Moll von Ludwig van Beethoven Man merkte vom ersten Ton an, dass diesem Konzert mehrere Aufführungen und eine intensive Auseinandersetzung mit dem Werk vorangegangen waren, so homogen und eingespielt präsentierte sich das Orchester und so routiniert gestaltete es das Zusammenspiel mit dem Solisten Adrian Oetiker. Die Art und Weise, wie Orchester und Pianist aufeinander eingingen und die so unterschiedlichen Stimmungen des Werks mit grosser Feinfühligkeit weckten, machte das Konzert zu einem besonderen Erlebnis für Musiker und Zuhörer.

Viele Sehenswürdigkeiten
Trotz des unfreundlich kalten Wetters machten sich am Dienstag alle zu einem Ausflug in die Umgebung von Kielce auf. Man besichtigte die Raj-Höhle. eine der berühmtesten und schönsten Tropfsteinhöhlen Europas. Nach dem Mittagessen fuhren beide Orchester zusammen nach Sandomierz, wo abends das erste gemeinsame Konzert geplant war. Sandomierz ist eine, malerische Kleinstadt, geschützt auf einem Hügel gelegen, mit einer über tausendjährigen, zum Teil kriegerischen Geschichte.

Gemeinsames Konzert
Die «Camerata Scholarum» und «il mosaico» führten gemeinsam drei Werke auf. Das «Konzert für zwei Violinen» von Johann Sebastian Bach wurde von den beiden Solisten Simone Steidle und Pawel Zuzanski glanzvoll interpretiert, und Johann Pachelbels wunderschöner «Kanon» bot auch optisch eine Besonderheit: die drei Violingruppen verteilten sich halbkreisförmig um die Celli und Bässe in der Mitte. Glanzstück des Konzertes war die «Fantasia on a Theme by Thomas Tallis» für zwei Orche ster von Vaughan Williams. Komponiert für ein grosses und ein kleines Streichorchester, eignete sie sich hervorragend zur gemeinsamen Aufführung durch «il mosaico» und die «Camerata Scholarum» und wurde auch von den Jugendlichen beider Orchester mit grosser Begeisterung gespielt. Diese Freude am gemeinsamen Arbeiten und Musizieren zeigt, wie wichtig es für Jugendliche verschiedener Kulturen ist, durch persönliche Kontakte und Eindrücke bestehende Vorurteile zti überwinden.

Gesellschaftlicher Anlass
Gemütliches Beisammensein wurde auch über die anstrengende Konzerttätigkeit nicht vernachlässigt. Am Mittwoch stand neben einer Wanderung in der Umgebung Kielces ein «gesellschaftlicher Abend» auf dem Tagesplan. Eingeleitet wurde dieser mit einem Kammerkonzert, bei dem verschiedene Solisten beider Orchester ein abwechslungsreiches Programm darboten. Stefan Baumann spielte die Serenade für Violoncello von Hans Werner Henze, und Martin Wmiger führte mit einer polnischen Pianistin Francis Poulencs Sonate für Klarinette und Klavier auf. Danach wurde Hermann Ostendarp gebeten, die CD vorzustellen, die «II mosaico» zusammen mit Joseph Matare aus Zimbabwe im letzten Sommer aufgenommen hatte. Die afrikanischen Rhythmen machten einen grossen Eindruck, und ihre Kraft und emotionale Geladenheit verunmöglichten beinahe das Stillsitzen. Das reichhaltige Buffet lud dann zur Stärkung und zum entspannten Plaudern ein. Vielerlei neue Beziehungen wurden geknüpft und manch alte vertieft Mit den zum Tanz einladenden Stücken einer polnisch-schweizerischen Ad-hoc Jazzband und vielen polnischen Liedern ging der Abend allzu schnell vorbei.

Besuch der Königsstadt Krakau
Am Donnerstag konnten sich die Mitglieder des Jugendorchesters für einmal ganz als Touristen fühlen. Mit der zweistündigen Fahrt nach Krakau tat man einen Sprung in die glorreiche Vergangenheit Polens. Das 1536 erbaute Schloss auf dem Wawel zeigt dem interessierten Besucher eine jahrhundertelange Geschichte polnischen Ruhms und kriegerischer Auseinandersetzungen. Hier werden die Belagerung Wiens durch die Türken und dessen Befreiung durch polnische Husaren oder die Kriege gegen Schweden und Preussen zur lebendigen Geschichte. Die Tradition spielt eine enorm wichtige Rolle, und der Stolz der Polen auf ihre Helden und Könige ist darum verständlich, weil das Land während des ganzen 19. Jahrhunderts unter europäischen Grossmächten aufgeteilt war. Die Kathedrale gleich neben dem Schloss ist nicht minder bedeutsam für die Geschichte des polnischen Volkes. Her fanden Königskrönungen und Fürstenhochzeiten statt, und hier sind auch die polnischen Könige begraben. Der Nachmittag wurde in der Stadt verbracht. Das ermöglichte vielen, nach Souvenirs und Geschenken für daheim Ausschau zu halten, sich in Restaurants zwischendurch aufzuwärmen oder einfach durch die grossartige Altstadt Krakaus mit ihren Geschäftsstrassen zu flanieren. Am Abend fand ein Rezital von Adrian Oetiker mit Werken von Beethoven, Brahms und Prokoijew statt. Das Konzert wurde begeistert aufgenommen, und man verlangte nicht weniger als vier Zugaben

Interessante Schulbesuche
Am letzten Tag erhielten wir die Möglichkeit, verschiedene Schulen zu besuchen und einen Einblick in den polnischen Schulaltag zu gewinnen. Im normalen Gymnasium wurden in den Deutsch- und Englischstunden die Schweizer Gäste sogleich in den Unterricht einbezogen. Es entstand eine angeregte und unterhaltsame Diskussion. Eine andere Gruppe besuchte das Kunstgymnasium in Kielce. Es war eindrücklich zu sehen, mit welcher Konzentration die Schülerinnen und Schüler bei der Arbeit waren: Die handwerklich und künstlerisch hervorragenden Leistungen in allen Bereichen - Schnitzerei, Bildhauerei, Malerei. Weberei - beeindruckten die Besucher sehr.

Grossartiges Schlusskonzert
Am Freitagabend fand das Schlusskonzert beider Orchester in der Heilig-Kreuz-Kirche in Kielce statt. Die grosse Hall und Echowirkung dieses riesigen neugotischen Baues rief beim Zuhörer den Eindruck einer «Klangwolke» hervor, was für die kontrapunktischen und eher die Melodik betonenden Werke von Bach und Pachelbel ein Nachteil war. Dafür aber erwies sich die Kirche als der ideale Ort für die Aufführung der Wiliiams-Fantasie - nicht umsonst sprach man scherzhaft von einer Williams-Kirche... Die farbige Harmonik und das Wechselspiel zwischen den beiden Orchestern steigerte sich hier zu einer überwältigenden Klangfülle, und der im rausschwebenden und leise verklingenden Schlussakkord faszinierte die Zuhörer so, dass sie lange verharrten und dann die grossartige Leistung der Orchester mit begeistertem Applaus belohnten.

Echo in den Medien
Während der ganzen Woche war der Besuch des Schweizer Orchesters in den lokalen Radio- und Fernsehstationen häufig erwähnt worden, und an letzten Abend wurden die Leiter der beiden Orchester. Hermann Ostendarp und Wojcieeli Zdyb, zusammen mit den Solisten zu einer Pressekonferen ins örtliche Radiostudio eingeladen. Übereinstimmend hob man dabei die Gastfreundschuft der Polen als ersten Eindruck hervor. Der Reiz vieler neuer Begegnungen und das offene und begeisterte Publikum bei den Konzerten waren weitere Erlebnisse, die diese Reise unvergesslich mache.