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Wo Vergangenheit auf Zukunft trifft

Samuraikämpfer und Geishas in Kimonos kommen uns in den Sinn, wenn wir an Japan denken. Gleichzeitig kommen uns aber auch moderne Architektur und Hightechroboter in den Sinn. Die knapp 60 Musiker des Jugendorchesters „il mosaico“ hatten auf ihrer Konzertreise Gelegenheit, diesen Widerspruch im Land der aufgehenden Sonne aus nächster Nähe zu erleben.
Als die Orchestermitglieder am ersten Tag auf der Aussichtsplattform des höchsten Regierungsgebäudes der Welt standen, sahen sie ein endloses Häusermeer, wohin sie auch schauten. So gross die Stadt ist, so abwechslungsreich ist sie auch. Dies sollten die Jugendlichen in den zehn Tagen, die sie in Tokio und Umgebung verbrachten, erfahren, denn sie waren nicht nur als Musiker, sondern auch als Touristen unterwegs. Sie besuchten das Edo-Tokyo Museum, welches über die Geschichte der Stadt berichtet, bestiegen den Tokyo Tower, die Imitation des Eiffelturms, und sahen dabei das leuchtende Häusermeer bei Nacht. Die wichtigsten Viertel der Stadt wurden nicht vergessen. So erlebten die Musiker Shibuya in strömendem Regen, kämpften sich durch die Menschenmassen und gingen von Kaufhaus zu Kaufhaus. Diejenigen, die schon in New York mit dabei waren, fühlten sich wegen den Megabildschirmen ein bisschen wie am Times Square, mit dem Unterschied, dass alles japanisch beschriftet war. Zur vereinbarten Zeit trafen sich alle bei der Statue von Hachik?, dem treuen Hund. Dies kam nicht von ungefähr, es ist nämlich der Haupttreffpunkt der Tokioter. Ein weiteres Viertel ist Harajuku. Ein Teil ging in die Prachtsalle Omotesand?, auch „Champs-Elisée Tokios“ genannt und bestaunte die teuren Modeboutiquen, während der andere Teil ins schillernde Leben der Teenagerstrasse Takeshita-d?rieintauchte und Kleider, Accessoires oder Souvenirs kaufte. In Ueno stand es den Orchestermitgliedern frei, ob sie das Kunst- oder Wissenschaftsmuseum besuchten, sich ins Markttreiben stürzten oder einfach nur den schönen Park genossen. Nicht weit entfernt liegt das Viertel Asakusa, wo der älteste buddhistische Tempel Tokios, der Sens?-ji, steht. Drei Japanerinnen, die die Musiker auch auf anderen Ausflügen begleiteten, führten die Gruppen durch den Tempelbezirk, erklärten und beantworteten Fragen. Am Ende der Reise stand eine Bootsfahrt auf dem Programm, welche die Schweizer Gruppe zum Hama-Riky?-Gartenführte. Beim Anblick des traditionellen Teehauses vor dem Shidome-Wolkenkratzerviertel erlebte das Orchester einmal mehr, dass Japan zwischen Vergangenheit und Zukunft steht.

Ausserhalb der Hauptstadt
An einem Tag machte das Orchester einen Ausflug nach Yokohama, der zweitgrössten Stadt Japans. Zwei Stunden hatten die Musiker Zeit, die Stadt der Superlative kennenzulernen. Das grösste Chinesenviertel Japans und der höchste Wolkenkratzer des Landes lockten. Ausserdem sind die schönen Parkanlagen und die Yokohama Bay Bridge einen Besuch wert.
Nach den Konzerten reiste die Schweizer Gruppe nach Kamakura, einer historisch bedeutenden Stadt, die in früherer Zeit Hauptsitz des japanischen Herrschers gewesen ist. 19 Shinto-Schreine und 65 buddhistische Tempel zeugen von dieser Zeit. Das Orchester besuchte drei davon: Den Kench?-ji Zen-Tempel, den Shinto-Schrein Tsurugaoka Hachimang?und den buddhistischen Tempel K?toku-in, wo der Daibutsu, der berühmte grosse Buddha steht.
Am Abend ging es weiter nach Yamanakako, einer Stadt am Fusse des Mount Fuji. Es regnete in Strömen und kaum einer glaubte, dass der Berg am nächsten Tag zu sehen sei. Am nächsten Morgen aber war der Himmel praktisch wolkenlos und der schneebedeckte Fuji-san präsentierte sich in seiner vollen Pracht. Nach den Fototerminen hatten die Orchestermitglieder genügend Zeit, eine Pedalofahrt auf dem Yamanakasee zu machen oder am Ufer das schöne Wetter zu geniessen.

Shintoisten und Buddhisten
Knapp 90 Prozent der Japaner sind Shintoisten, etwa 75 Prozent Buddhisten. Das geht nicht auf, werden Sie denken. Tatsächlich ist es aber so, dass sehr viele beides sind, je nach Anlass. Für Feste, die den Beginn symbolisieren, wie zum Beispiel Geburt oder Hochzeit, wählen sie den Shintoismus, für Beerdigungszeremonien den Buddhismus. Da die Mitglieder des il mosaico viele Tempel und Schreine besucht haben, lernten sie nicht nur die beiden Religionen kennen, sondern auch Rituale wie die Hände- und Mundreinigung vor dem Betreten eines Shinto-Schreines oder das Klatschen vor dem Gebet in einem buddhistischen Tempel. Im Meiji-Schrein, wegen seiner engen Verbindung zum Kaiserhaus der wichtigste Shinto Schrein Tokios, bekam das Orchester eine ganz spezielle Führung, die sonst nur für Staatsgäste vorgesehen ist. Sie wurden von zwei Priestern durch die ganze Anlage geführt, auch ins Innere des Schreins, der sonst nur den Priestern vorbehalten ist. Dort wohnten sie einer religiösen Zeremonie bei, bei der auch sakrale Tänze aufgeführt, Zeremonien vollzogen und Gebete gesprochen wurden. Im Anschluss daran spielte das Orchester des Schreins extra für „il mosaico“ ein Konzert auf traditionellen Instrumenten, wie Koto, Sho und Shakuhachi. Diese Art Musik wird seit Jahrhunderten am Kaiserhof gespielt und heisst Gaku.

Konzerte mit und ohne japanische Partner
Auf der Jubiläumsreise fehlten die Konzerte natürlich nicht. „il mosaico“ spielte Teile aus Beethovens Violinkonzert und Brahms erster Symphonie, sowie ungarischen Tänze Nr. 1 und 5 von Brahms zusammen mit japanischen Jugendorchestern, dem Seishin Highschool Orchestra und dem Chiba Girls Highschool Orchestra. Beide zählen zu den besten High School Orchestern Japans und begeisterten ihre Gäste aus der Schweiz vollends: Wer hätte schon erwartet so phantastische Ensembles im Land der aufgehenden Sonne anzutreffen, die nicht nur durch eine super Spieltechnik sondern auch durch grosse Musikalität zu überzeugen wussten. Den ersten Auftritt hatte das „il mosaico“ - noch an Jetlag leidend – aber noch alleine vor den Mitgliedern des Chiba Girls Highschool Orchestras. Am nächsten Tag fand dann das vierstündige Jahreskonzert dieses Orchesters statt, an dem auch das „il mosaico“ mitwirken durfte. Kaum einer der jungen Musiker hatte schon vor so einem grossen Publikum gespielt: 1800 Zuschauer sassen in der Konzerthalle. Als grosses Finale spielte das fast zweihundertköpfige japanisch-schweizerische Orchester Strauss’ Radetzky-Marsch. Beim dritten Konzert spielte das il mosaico mit dem Seishin Highschool Orchestra in Kashima an der Küste des Pazifiks den ersten und den fünften ungarischen Tanz, nachdem beide Orchester Teile ihres eigenen Programmes gespielt hatten. Jugendliche aus zwei so ganz verschiedenen Kulturen mit gemeinsamen Interessen: Durch das Zusammenspiel und Zusammensein mit den anderen Orchestern – u.a. an den an die Konzerte anschliessenden „Friendship-Partys“ – entstand ein spannender Austausch zwischen Musikern beider Länder. Der vierte Auftritt war in der deutschen Schule Tokios. Die entspannte, angenehme Atmosphäre und das begeisterte Publikum trugen zu gleichen Teilen zum guten Gelingen des Konzertes bei. Der letzte Auftritt fand dann in einer Primarschule in Tokio statt. Durch Miteinbeziehen der Kinder erklärte Hermann Ostendarp den Orchesteraufbau und die Stücke des Konzertprogramms und brachte den Schülern so die klassische Musik näher. Im Anschluss daran sangen wir gemeinsam je ein japanisches und ein Schweizer Lied, assen mit den Kindern in den Klassen zu Mittag und machten mit ihnen Spiele. Dieser Einblick in die Schule und das Zusammensein mit den Kindern war nicht nur interessant, sondern auch hier erlebten wir – wie immer wieder auf der Reise, dass wir als Gäste willkommen waren und mit grosser Herzlichkeit und menschlicher Wärme empfangen wurden.

Gastfamilien
Zu Beginn der Reise wurden die Mädchen bei Familien von Spielerinnen des Chiba Girls Highschool Orchestra untergebracht und durften zwei Nächte in japanischen Familien verbringen. Die japanische Gastfreundschaft ist schwer zu übertreffen. Viele wurden am ersten Abend ins Restaurant ausgeführt, andere wurden mit selbstzubereiteten Spezialitäten verwöhnt. Trotz Kommunikationsproblemen – viele Japaner sprechen nur wenig Englisch – wurde viel erklärt und erzählt. Die Schweizer erzählten von ihrem Land und ihren Gewohnheiten, die Japaner brachten den Schweizern ihre Kultur näher. Dies war sicherlich eines der Highlights der Konzertreise. Eine intensive Zeit, die allen in bester Erinnerung bleiben wird.
Die Jubiläumsreise ins ferne, exotische Japan war ein wunderbares Erlebnis. Nicht nur bunte Origamikunstwerke und japanische Fächer, sondern auch gute Freundschaften und unvergessliche Erinnerungen nahmen die rückkehrenden Orchesterspieler nach diesen zehn Tagen mit in die Schweiz.

Lydia Grüninger