···   Budapest   ·   Ukraine   ·   New York   ·   Italien   ·   Japan   ···
2006 2007 2008 2009 2010

New York - The City that never sleeps

Das Jugendorchester „il mosaico“ durfte für die diesjährige Konzertreise zum zweiten Mal den Atlantik überqueren. Diesmal führte die Reise aber nicht in den Süden Amerikas, wie vor acht Jahren nach Brasilien, sondern an die Ostküste in die Stadt der Superlative, New York. Die Reise war der Höhepunkt des Jahres, auf den wir uns schon seit letztem Sommer intensiv vorbereiteten. Hermann Ostendarp, der Leiter des Orchesters, organisierte einen Austausch mit dem Philharmonia Orchestra der Third Street Music School, einer Musikschule in Manhattan. Der Austausch stand unter dem Patronat von Botschafter Chritsoph Bubb, Schweizer Konsul in New York und Maestro David Zinman, dem gebürtigen New Yorker und heutigen Chefdirigenten des Tonhalle Orchesters Zürich.

Donnerstagmittag landete das Flugzeug mit den 63 Orchestermitgliedern auf dem John-F.-Kennedy Flughafen, wo Ted White, der Bassist der Philharmonia und Rory Callahan, der Vater einer amerikanischen Klarinettistin, schon auf uns warteten. Nachdem alle eine Metrokarte, die für alle Linien der New Yorker U-Bahn gültig ist, erhalten hatten, machten wir unsere ersten Erfahrungen mit Subway-Fahren. Durch uns Orchesterleute, die mit viel Gepäck und Instrumenten anreisten, herrschte in den sonst schon überfüllten Zügen ein noch grösseres Gedränge. Ausserdem wusste keiner von uns genau, wo um- oder auszusteigen, deshalb waren wir froh, dass letztendlich alle heil in der Third Street Music School ankamen. Auf dem Schulhof machten wir uns auf die Suche nach den jeweiligen Gastfamilien, die nach und nach eintrafen.
Der Abend war dafür reserviert, sich gegenseitig kennen zu lernen und es blieb auch noch etwas Zeit, um sich im „neuen Zuhause“ einzurichten.

Erste Eindrücke
Am Anfang wurden wir von Eindrücken fast schon erschlagen. New York kam uns gross, unübersichtlich, verwinkelt und fremd vor. Es würde bestimmt eine Weile gehen, bis wir uns da zurechtfänden, dachten wir.
Alles ist riesig in New York. In den ersten Tagen richteten wir unsere Blicke ständig nach oben, um die Gebäude zu bestaunen, die endlos in den Himmel zu wachsen schienen. Doch nicht nur die Wolkenkratzer sind riesig, irgendwie scheint alles ein bisschen grösser zu sein als in der Schweiz: Die Getränkeflaschen, die Distanzen, die Menschenmassen.
Interessant ist auch die Zusammensetzung der Bevölkerung. Neben den Weissen und den so genannten Hispanics gibt es eine grosse Anzahl von Schwarzen und Asiaten. Die ganze Stadt ist ein Mix von verschiedensten Kulturen und Religionen, und doch identifizieren sich alle als Amerikaner.

Sehenswürdigkeiten
Einige Mitglieder des Orchesters bereiteten sich im Vornherein vor, um mit uns in Kleingruppen durch die Stadt zu spazieren und die wichtigsten Fakten über die Sehenswürdigkeiten zu erzählen. Einige Male führten uns auch einheimische Führer durch die Strassen von New York. Wir besuchten den Ground Zero und die St.Paul's Chapel, eine kleine Kirche nahe des Katastrophenortes, die heute als Gedenkstätte für die Opfer von 9/11 dient. Ground Zero ist heute eine riesige Baustelle und vor allem vom Empire State Building aus kann man die deutliche Lücke in der Skyline Manhattans erkennen, die der Terroranschlag hinterlassen hat.
Natürlich liessen wir es uns nicht entgehen, New York einmal von oben zu betrachten. Seit dem Einsturz der Twin Towers in 2001 ist das Empire State Building mit 381 Metern der höchste Wolkenkratzer in New York. Im 86. Stockwerk befindet sich eine Besucherplattform und die Aussicht von dort oben ist einfach überwältigend!
Lohnenswert ist auch eine Fahrt mit der Staten Island Ferry. Man kann dabei sowohl die Skyline von Manhattan, als auch die Brooklyn Bridge und die Freiheitsstatue bewundern. Weil wir beide (die Verfasserinnen dieses Berichtes) auf Staten Island wohnten, hatten wir mehrmals Gelegenheit, die Schiffsfahrt auch bei Nacht zu geniessen. Für uns war es eines der atemberaubendsten Erlebnisse der Reise, denn die Stadt wird durch all die Lichter der Hochhäuser und der Brücke in eine völlig unwirkliche Atmoshpäre getaucht.
Nicht nur Bilder von der Skyline, sondern auch diejenigen vom Times Square sind in der ganzen Welt bekannt. Besonders bei Nacht sind die vielen Bilder, Reklamentafeln und Leuchtschriften einfach faszinierend.
Eindrucksvoll ist auch der Grand Central Terminal, einer der berühmtesten Bahnhöfe der Welt. Von dort aus verkehren viele Züge zu New Yorker Vororten. Die Bahnhofshalle ist sehr prunkvoll gebaut, mit künstlichem Sternenhimmel an der Decke, goldenen Kronleuchtern und Marmorboden. Berühmt ist auch die riesige Messinguhr über dem Auskunftskiosk in der Mitte der Halle.
Der Central Park wird auch die grüne Lunge von Manhattan genannt. Wenn man heute durch den Park spaziert, glaubt man, hier sei beim Stadtbau noch ein kleines Stück Natur übriggelassen worden, er wurde jedoch künstlich angelegt. Vorher war dieser Teil Manhattans nämlich sumpfig, felsig und völlig unbewohnbar. Der Central Park wird von Familien und Sportlern in der Freizeit genutzt. Wir trafen nicht nur auf verschiedenste Jogger, Inline Skater und Fahrradfahrer, sondern auch auf Hundebesitzer, Picknicker und lustigerweise auf eine Gruppe turnender Mütter mit Kinderwägen.
Wie schon erwähnt, ist ein Teil der Stadtbevölkerung asiatischen Ursprungs. Im 19. Jahrhundert siedelten sich die ersten Chinesen im Süden Manhattans an. Nach weiteren Immigrationswellen entwickelte sich das Viertel, Chinatown genannt, zu einer eigenständigen Metropole. Wir hatten das Gefühl, in China gelandet zu sein, als wir den Strassen entlang bummelten. Die Läden waren chinesisch beschriftet und in Restaurants gab es ausschliesslich chinesische Gerichte. Wer von uns billige Souvenirs suchte, ging nach Chinatown, denn erstens steht da ein kleiner Laden neben dem andern und zweitens ist es auch erlaubt zu feilschen.
Am Montag machten wir einen Ausflug zur Columbia University und wurden dann, aufgeteilt in zwei Gruppen, von zwei Studenten durch das Areal geführt. Die Columbia University ist die älteste Universität New Yorks und neben Harvard, Yale und Princeton eine der angesehensten Amerikas. Auf dem grossen Campus stehen mehrere Bibliotheken, unter anderem die Butler Library und die Library of Columbia University, natürlich auch unzählige Gebäude mit Vorlesesälen, Studentenwohnheime und vieles mehr. Zwischen den beiden vorher genannten Bibliotheken haben die Studenten genügend Platz um in der Sonne auf der Treppe zu sitzen oder auf den Rasenflächen Fussball oder Frisbee zu spielen.
Selbstverständlich haben wir uns auch etwas in künstlerischer Richtung weitergebildet. Wir statteten dem Whitney Museum of American Art einen Besuch ab und wurden in Kleingruppen von Museumsangestellten durch die Räume geführt. Weil das Museum zu gross gewesen wäre, um in so kurzer Zeit alles anzuschauen, beschränkten wir uns auf zwei Stockwerke. Unsere Führerin entschied sich für eine etwas andere Führmethode: Sie hielt keinen Vortrag über die jeweiligen Kunstwerke, sondern liess uns zuerst die Gemälde oder Skulpturen beschreiben und dann konnten wir in der Gruppe über die Absichten des Künstlers diskutieren. Viele Bilder waren sehr abstrakt und haben nicht alle von uns wirklich angesprochen. Einige fragten sich auch, was alles denn noch als Kunst bezeichnet werden kann und ab und zu brauchte es etwas Zeit bis einem ein Gemälde gefiel oder man es verstand. Sicher war es aber interessant, sich einmal mit amerikanischer Kunst auseinanderzusetzen.
Auch ins berühmte Guggenheimmuseum haben wir einen Blick hineingeworfen. Die Zeit für eine gründliche Besichtigung fehlte, uns wurde aber gesagt, dass das Museum nur schon wegen seinem Bau sehenswert sei. Das Gebäude war gerade in Renovation, deshalb sahen wir aussen nichts von der schneckenhausförmigen Architektur, innen aber führte eine Rampe spiralförmig nach oben. Das ermögliche dem Besucher, die Kunstwerke aus ganz verschiedenen Perspektiven zu sehen.

Konzerte des „il mosaico“
Natürlich waren wir nicht immer nur als Touristen unterwegs, sondern auch als Musiker. Freitag und Samstag probten wir zusammen mit dem amerikanischen Orchester Philharmonia die Carmen Suite von Bizet, sowie das 3. Violinkonzert von Saint-Saëns. Wir hatten die beiden Stücke schon in der Schweiz geübt, aber da wir nun nicht mehr alleine spielten, brauchte es noch einige Probendurchgänge mehr, um sich an das Zusammenspiel zu gewöhnen. Es ging aber nicht lange bis wir bereit waren für das erste Konzert. Das fand am Sonntagnachmittag im Washington Irving Auditorium statt und kam beim Publikum sehr gut an. Auf der einen Seite sicher wegen den mitreissenden Melodien der Carmen Suite, auf der anderen Seite aber bestimmt auch wegen der talentierten, jungen Violinistin Nurit Pacht, die sich als Solistin für das Saint-Saëns Violinkonzert zur Verfügung gestellt hat.
Zwei Auftritte hatten wir in Schulen: in der UN International High School (UNIS) und in einer deutschen Schule in White Plains. Hermann Ostendarp erklärte einiges über den Aufbau eines Symphonieorchesters, stellte ihnen das „il mosaico“ vor und zeigte Bilder aus dem Toggenburg. Untermalt wurde das Ganze vom Orchester mit Ausschnitten aus dem 3. Klavierkonzert Beethovens in c-moll und der 2. Symphonie Brahms in D-dur.
In der Kirche in White Plains stand wiederum Bizets Carmen Suite mit der Third Street Philharmonia auf dem Programm. Dazu kam noch Schostakovichs Cellokonzert, bei dem Leo Singer, ein sechzehnjähriger Solist der Third Street Music School, spielte und Beethovens Klavierkonzert. Allerdings sass nicht Andrij Dragan am Klavier, sondern Adam Kent, ein amerikanischer Pianist.
Das letzte Konzert fand in der St.Mark's Church in Manhattan statt. Das Klavierkonzert spielten wir wieder wie gewohnt mit Andrij Dragan, Leo Singer gab erneut Schostakovichs Cellokonzert zum Besten und wir spielten zum letzten Mal Brahms 2. Symphonie. Unserer Meinung nach war dieses das gelungenste Konzert unserer New York-Reise. Denken wir das vielleicht einfach, weil wir das letzte Mal Brahms Spielen so richtig ausgekostet und genossen haben? Dieses Stück ist uns nämlich während dem Üben im letzten halben Jahr so richtig ans Herz gewachsen und niemand dachte gerne daran, dass wir es nach New York nicht mehr spielen werden.

Gospel-Gottesdienst
Am Sonntag durften wir in einen Gospelgottesdienst der Abyssinian Baptist Church in Harlem. Wir erlebten eine völlig andere Art Gottesdienst, als wir es von Zuhause gewohnt sind. Es ist eine lebendige, aktive Art. Gospel sei der Kern dieser Kirche. Der in rot-gelb gekleidete Chor sang voller Energie, manchmal mit Klavierbegleitung und die Musik erfüllte die ganze Kirche. Ein Prediger hielt eine feurige Rede und musste sich ab und zu mit einem Taschentuch den Schweiss von der Stirn wischen. Was uns am meisten erstaunte, war, dass einige aus der Gemeinde nickten und laute Zustimmungen riefen, wenn sie mit dem Gesagten einverstanden waren. Andere mussten sich Tränen aus den Augen wischen, wenn der Prediger etwas sagte, dass sie berührte. Alle waren mit Leib und Seele bei der Predigt dabei und gelangten in die gleiche Euphorie wie der Prediger selbst.

Kulturelles in New York
Wir besuchten an drei verschiedenen Abenden ein Ballett, ein Musical und ein Konzert. Das Ballett fand im New York City Ballet statt und wir sahen ein Bernstein Programm mit Fancy Free, Dybbuk und der West Side Story Suite. Drei kürzere Stücke, in denen es jeweils um eine Liebesgeschichte ging, die unterschiedlicher gar nicht dargestellt werden könnten. Die eine witzig, die andere eher ernst und dramatisch und die letzte spannend.
Das Musical, das wir am Broadway schauten, hiess A Chorus Line und es ging dabei um einen Tanzwettbewerb, bei dem ähnlich wie bei Music Star aus einer Gruppe von Talenten nur eine kleine Anzahl ausgewählt wird. Dabei erzählten die einzelnen Tänzer ihre Lebensgeschichte.
Am Samstagabend wurde unserer Reise nach New York ein letzter Glanzpunkt aufgesetzt: Wir hatten Karten für das Konzert des Orpheus Chamber Orchestras in der weltberühmten Carnegie Hall. Orpheus ist eines der bekanntesten dirigentenlosen Orchester. Sie spielten von Respighi Gli Uccelli (die Vögel) und von Charles Wuorinen Synaxis, ein sehr modernes und komplexes Werk, das an diesem Tag zum ersten Mal aufgeführt wurde. Nach der Pause hörten wir noch Die Vier Jahreszeiten von Vivaldi mit Sarah Chang als Solistin.

Unsere Gastfamilien
Die Gastfamilien, bei denen wir in New York wohnen durften, waren - bis auf wenige Ausnahmen - Familien von Orchestermitgliedern der Third Street. Dadurch waren wir über die ganze Stadt verstreut untergebracht, einige von uns wohnten sogar in New Jersey.
Dass New York eine sehr multikulturelle Stadt ist, sah man auch bei den Gastfamilien: Von serbischen Einwanderern über Afroamerikaner bis zu Familien asiatischer Herkunft gab es praktisch alles.
Sie waren sehr gastfreundlich, hilfsbereit und entgegenkommend. Von unserer Gastfamilie zum Beispiel haben wir viel über Amerika und das Leben in New York City erfahren, dafür haben wir ihnen einiges über die Schweiz erzählt und so fand ein interessanter Austausch statt.

Natürlich konnten wir in diesem Bericht längst nicht alles erwähnen, was wir erlebt und gesehen haben. Viele von uns wären gerne noch länger geblieben, um die Strassen der riesigen Millionenstadt weiter zu erkunden.
Die Reise war ein voller Erfolg, bestimmt wird sich jedes Orchestermitglied noch lange und gerne daran erinnern und ab und zu wieder eine Erzählung mit “Als wir in New York waren...!“ beginnen.
Dafür möchten wir uns bei Hermann Ostendarp, Martin Winiger und Wilfrid Stillhard ganz herzlich bedanken, ohne deren grossen Einsatz das alles gar nicht möglich gewesen wäre. Thank you very much!

Lydia Grüninger und Sara Huber