···   Rumänien   ·   Budapest   ·   Ukraine   ·   New York   ·   Italien   ···
2006 2006 2007 2008 2009

Das „il mosaico“ hat ein weiteres
osteuropäisches Land erobert!

Auf der diesjährigen Frühjahres-Konzertreise hat es die rund fünfzig jungen Musikerinnen und Musiker mit ihrem engagierten Leitungsteam wieder in den Osten Europas verschlagen: mit Dvoraks 9. Sinfonie „Aus der Neuen Welt“, „The unanswered question“ von Charles Ives und Mozarts Klavierkonzert in d-moll gastierte das Jugendorchester in der Ukraine, dem Heimatland des Solo-Pianisten Andrij Dragan, und während einem kurzen Abstecher auch in Polen.

Nach einer langen, aber beschwingten Carfahrt kam das „il mosaico“ bei Abenddämmerung in der westukrainischen Stadt Lviv an. Die Kopfsteinpflaster-Strassen mit dem lebhaften Boulevard, gesäumt von majestätischen Bauten aus der Zeit der österreichisch-ungarischen Monarchie, die sich bis in die Ukraine erstreckte, versetzten uns in Staunen und erfüllten uns mit Vorfreude auf die kommenden Tage. Im Restaurant Akademia, wo wir regelmässig unser Essen serviert bekamen, wurden uns Kohl und Piccata mit Buchweizen serviert – in der Ukraine ein anscheinend sehr verbreitetes und beliebtes Menu. Dann bezogen wir unsere Zimmer im grossen Hotel Lviv. Es erinnerte mit seinen wackeligen Fahrstühlen, den acht Stockwerken, auf denen sich je vierzig Zweierzimmer und mit nur zwei Duschen befanden, sehr an die kommunistischen Zeiten des Landes, die bis heute prägend für viele Dinge des Alltags sind. Auch dass die Stockwerke von etwas wortkargen, genervten Frauchen kontrolliert wurden, liess an die ganz andere Personalpolitik im Kommunismus denken, wobei wir Jugendlichen natürlich hierzu nur Vermutungen anstellen können. Der Russland-bewanderte Bläserdirigent Wilfrid Stillhard konnte hierzu aber viele selbsterlebte Anekdoten aus sowjetischer Zeit zum Besten geben.

Lemberg, Lwow, Lvov, L’viv– Begegnung mit der Geschichte
Am Sonntag gab es auf einem Stadtrundgang viel zu erfahren über die geschichtlichen, religiösen und kulturellen Hintergründe der Stadt, die zu K&K-Zeiten Lemberg geheissen hat, unter polnischer Regierung in Lwow und unter jener der Sowjets in Lvov umbenannt wurde. Heute gehört Lviv zu den grössten Städten der seit 1991 unabhängigen Ukraine. Die 99-jährige Urgrossmutter unseres Solisten hat so in ihrem langen Leben mehr als fünfmal die Staatsbürgerschaft wechseln müssen, dies jedoch ohne je ihre Heimat verlassen zu haben. Der Geschichte begegnet man auch sonst in dieser Stadt auf Schritt und Tritt, z.B. auf dem weitläufigen, parkähnlichen Friedhof, auf dem viele ukrainische Berühmtheiten begraben sind, oder auf dem Marktplatz mit Häusern verschiedenster Epochen europäischer Architektur – von der italienischen Renaissance über Barock bis hin zur K&K Baustil der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Weitere Highlights sind der Bücher- und der Kunsthandwerksmarkt, Kirchen verschiedenster Baustile und Konfessionen sowie der Rathausturm, von welchem aus man die ganze 800'000 Einwohner zählende Stadt überblicken konnte. Ein herrlicher Ausblick, der Verstehen lässt, dass die Altstadt vor bald zehn Jahren von der UNESCO in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen wurde. Von einem so hohen Standpunkt aus wurde aber auch sichtbar, wie bisher oft nur die Fassaden der Häuser renoviert sind, hinten dran aber noch viel zu tun ist. Abends erwartete uns in der Philharmonie nach einem köstlichen Spezialitäten-„Znacht“ ein Konzert der K.&K.-Philharmoniker, die mitreissende Hits aus verschiedenen Opern des ausgehenden 19. Jahrhunderts, der goldenen Epoche von Lemberg, spielten.

Eine richtige Tournee
An den folgenden drei Tagen war unser eigenes Können gefragt. Mit dem Car fuhren wir nach Drohobyc und Ternopil, zwei „kleinere“ Städte (je mit ca. 100'000 Einwohnern), die einige Stunden von Lemberg entfernt sind, um dort nach einer kurzen Vorprobe unser Konzertprogramm zu spielen. Dazwischen besichtigten wir eine wunderbare Holzkirche, ein seit der Wende wieder neu belebtes Kloster und den idyllischen Marktplatz Drohobycs. Nach dem sehr gut gelungenen Konzert in Ternopil packten eifrige Bläserinnen und Bläser am See der Stadt ihre Instrumente aus und spielten vor bezaubernder Kulisse den „Tiger Rag“ und andere Stücke aus ihrem Repertoire. Nicht nur unsere gut gelaunte Gruppe, sondern auch Einheimische erfreuten sich an dieser fetzigen Darbietung.

Konzert an internationalem Festival
Da das dritte Konzert in Lemberg stattfand, hatten wir endlich einen freien Vormittag zur Verfügung, um uns in der wunderschönen Stadt umzusehen. Einige schliefen lange, kulturell Interessierte machten sich schon früh zum Nationalmuseum auf und viele genossen es, herzhaft keinen Buchweizen zum Frühstück zu essen. Ein paar Mädchen machten einen kulturellen Anpassungsversuch, indem sie auf Minirock-Shoppingtour gingen, andere kauften sich einfach schöne Holzchetteli als Souvenirs. Das Konzert am Abend fand im Rahmen des zweiwöchigen, internationalen Festivals „Vituosy Lviv“ statt. Hier durften wir neben bekannten internationalen Stars unser Programm präsentieren. Die Begeisterung des Publikums war, wie auch schon bei den vorangegangenen Konzerten, sehr gross. Der Abschied von Familie Dragan im Anschluss an das Konzert fiel uns allen schwer. Unser Pianist Andrij hatte uns in jedem Konzert stets von Neuem mit seinem Spiel mitgerissen und begeistert. Er und seine Eltern, beide Klavierprofessoren an der Musikakademie von Lviv, hatten sich mächtig ins Zeug gelegt, um uns einen angenehmen, erlebnisreichen Aufenthalt in ihrem Heimatland zu ermöglichen. Dies gelang ihnen vollumfänglich, auch dank der Hilfe einiger ihrer Freunde und der stets um unser Wohl besorgten Direktion der Philharmonie Lviv.

Wiedersehen und Besuch von Krakau, einer besonderen Perle Europas
Die erste Etappe des Heimwegs wurde schon am zweitletzten Tag angetreten: wir fuhren die rund sieben Stunden bis zur polnischen Stadt Kielce, wo „il mosaico“ und die Big Band Kanti Wattwil schon mehrmals gastiert haben. Woitek Zdyb, der Leiter der Camerata Scholarum stand schon winkend am Strassenrand, als wir vor dem WDK (Kulturzentrum der Stadt) eintrafen. „Am Schärme“ – es regnete zum ersten Mal während dieser Reise! – warteten Sandwichs und Getränke auf uns. Nach einer kurzen Vorprobe, wobei Mozarts Klavierkonzert mit einem jungen polnischen Pianisten noch neu eingeprobt werden musste, war es schon bald Zeit für die Dernière. Trotz des etwas spärlichen Publikums genossen wir es ein letztes Mal, dieses beinah unübertreffbar schöne Programm zu spielen.
Nach einer Nacht bei sehr netten, liebevollen Gastfamilien oder im Internat, das schon ab 23 Uhr die Türen geschlossen hatte, machten wir uns auf nach Krakau, das Hermann Ostendarp als eine der schönsten Städte Europas ankündigte. Es stellte sich heraus, dass dies keine Übertreibung gewesen war: imposante Bauten, ein belebter Marktplatz mit vielen Strassenkünstlern und verlockende kleine Boutiquen und Cafés liessen uns von einer weiteren Orchesterwoche inmitten dieser Stadt träumen. Zwei kompetente Führerinnen brachten uns zudem die beeindruckende Geschichte der Stadt nahe, vor allem die des Stadtteils Kazimierz, dem ehemaligen Judenviertel, wo Teile des Filmes „Schindlers Liste“ gedreht wurden.
Nach einem edlen Abendessen in einem originalen K.u.K.-Saal spazierten wir noch ein letztes Mal über den Marktplatz, kauften Apfelbier für die Fahrt ein und lauschten virtuosen Akkordeonisten. Mit Wehmut bestiegen wir den Car, dessen zwei grossartige, bewährte Fahrer uns wohlbehalten nach Wattwil zurückbrachten.

Pia Fehle