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« il mosaico » auf Konzertreise in Rumänien

«Nous sommes les musiciens…»
...So lautet der Titel unseres diesjährigen Lieblingsliedes. Es begleitete uns auf der ganzen Reise in das so andersartige, von Zentraleuropa fast vergessene Rumänien. Einen riesigen Schatz von Erfahrungen und Erinnerungen brachten wir aus diesem Land, das heute noch zu den materiell ärmsten Europas gehört, mit nach Hause. Unsere Reise führte ins sagenumwobene Transsilvanien, wo einst Graf Dracula sein Unwesen getrieben haben soll. „Siebenbürgen“ ist der deutsche Name für jene Gegend, in welcher Ungaren, Deutsche und Rumänen seit Jahrhunderten beisammen wohnen und sich die verschiedensten Kulturen vermischt haben und/oder nebeneinander existierten.

Der erste Anblick Rumäniens, der sich uns morgens nach vielen Stunden Fahrt bot, machte uns sofort bewusst, dass wir uns für eine Woche in einer gänzlich ungewohnten Umgebung wieder finden würden: etwas verwahrlost wirkte die Gegend mit den oft verfallenen, kleinen Häusern in deren Gärten farbige Wäsche in der Frühlingssonne trocknete.
Einige Kilometer vor der Stadt Alba Iulia holte uns eine Polizeigarde ab, die uns bis zur Kathedrale geleitete. Vater Nicolai von der rumänisch-orthodoxen Kirche, der alles grossartig für uns organisiert hatte, und eine grosse Gruppe junger Leute erwarteten uns dort. Die meisten Orchestermitglieder wurden einzeln oder zu zweit ihren Gastfamilien zugewiesen, einige übernachteten in der Universität. Trotz einiger Verständigungsprobleme wurden beim traditionellen Abendessen schon viele Gespräche geführt. Wer noch nicht genug hatte, flanierte noch auf dem Boulevard und traf sich danach in den Bars der Stadt.

Ein ganz anderer Gottesdienst
Am Sonntagmorgen machten wir uns in unserem Reisebus über holprige Strassen und vorbei an improvisierten Brücken flussaufwärts auf den Weg ins Kloster Râmet, wo wir einen Gottesdienst besuchten. Ein orthodoxer Gottesdienst dauert immer mehrere Stunden, es wird viel gesungen, auch das Abendmahl wurde ausgeteilt, und ein Geistlicher hielt eine lange Predigt in der Landessprache. Danach erwarteten uns ein Fastenessen und eine Führung durch die alte Kapelle, die Kirche und die Teppichwerkstatt der Klosterfrauen. Bei der Rückkehr nach Alba Iulia blieb nur wenig Zeit für eine Vorprobe. Das Konzert im Kulturclub bestritten wir gemeinsam mit dem Chor „Reintregirea“, einer rumänischen Pianistin und einem Celloquartett. Unsere junge Solistin Giulietta Koch meisterte das Tschaikowskykonzert auch auf dem kleinen und leicht verstimmten Flügel fabelhaft.

Besuch in Sibiu und Konzert im Opernhaus von Brasov
Unser nächstes Ziel war Sibiu (Hermannstadt), die Stadt mit dem ehemals grössten deutschen Bevölkerungsanteil der Region. Vom deutschen Einfluss zeugen bis heute der Baustil, die protestantische Kirche und die deutsche Schule. Da die Stadt im Jahr 2007 Kulturhauptstadt Europas sein wird, renoviert man derzeit die Altstadt mit ihren malerischen Gässchen und Plätzen. Auf der „Brücke der Verliebten“ musste dann selbstverständlich die Ehrlichkeit unserer Orchesterpärchen getestet werden. Eine Legende besagt nämlich, die Brücke breche zusammen, wenn zwei Verliebte nicht treu sind. Die Brücke hielt stand. Nach dem Mittagessen im Kloster Sâmbata, einem idyllischen Ort am Fusse der Karpaten, fuhren wir weiter nach Brasov, wo wir im nostalgischen Opernhaus unser ganzes Konzertprogramm zum Besten gaben. In unserem Nachtquartier wurden wir mit Schnaps empfangen. Nach einem reichlichen Abendessen, trafen sich alle um ein grosses Feuer zum Singen und Tanzen. Einige Bläserinnen und Bläser traten als kleine Musikgesellschaft in Erscheinung und spielten ein paar Stücke. So dauerte das Fest für die eine oder den anderen bis in die frühen Morgenstunden…

Vom Dracula-Schloss in die Metropole Brasov
Nach dem Frühstück begaben wir uns zum Schloss Bran, das oft als Dracula-Schloss bezeichnet wird, weil es sehr an die Beschreibung von Draculas Burg aus Bram Stokers gleichnamigen Roman erinnert. In Wirklichkeit hat es der echte „Vlad Dracula“ aber nie betreten. Anschliessend gab es in Brasov, einem der heute sehr wichtigen politischen, kulturellen und industriellen Zentren Rumäniens, viel zu besichtigen, unter anderem die älteste Schule Rumäniens. Danach blieb Zeit, um in einem Restaurant zu Mittag zu essen und ein wenig auf dem wunderschönen Hauptplatz die Sonne zu geniessen. Gegen Abend fuhren wir nach Sigishoara, in das ausserhalb der Stadt gelegene, neu erbaute Kloster St.Dimitrie. Nach der Revolution im Jahr 1990, die die Diktatur Ceaucescus, in der die Religion offiziell geächtet war, beendete, blühte die Orthodoxe Kirche auf und brach auch ein regelrechtes Klosterbaufieber aus. Bis heute gibt es, anders als bei uns, kein Nachwuchsproblem in den klösterlichen Gemeinschaften.

Sigishoara, das reizvollste Städtchen Transsilvaniens
Am nächsten Morgen erwartete uns in Sigishoara ein echter Siebenbürger Sachse. Er führte uns durch das einzigartige Städtchen, zeigte uns die verschiedenen Türme und Kirchen und wusste zu jeder Ecke eine kleine Anekdote zu erzählen. Zurück von diesem interessanten zweitägigen Ausflug hatten wir unser letztes Konzert in der Aula der Theologischen Fakultät von Alba Iulia, wiederum gemeinsam mit dem Chor „Reintregirea“, der im August auf Gegenbesuch ins Toggenburg kommen wird. Unser Geigensolist Jonas Moosmann überzeugte ein letztes Mal mit Khatchaturians Violinkonzert. Nach einem Abendessen, das die einen bei ihren Gasteltern, die anderen in der Kantine des theologischen Seminars einnahmen, trafen sich fast alle gemeinsam mit ihren Gastschwestern oder -brüdern im „Pub 13“, um noch ein letztes Mal zu feiern, zu reden und zu tanzen.

Der Abschied: Ein trauriger Tag
Bei eisiger Kälte und Regen stand an unserem letzten Tag die Stadtführung durch Alba Iulia an. Nach dem Mittagessen in der Kantine des theologischen Seminars stimmten wir noch ein letztes Mal einige Schweizer Volkslieder an und „Reintregirea“ antwortete mit rumänischen Liedern. Bevor wir uns auf die lange Reise machten, sangen wir „Nous sommes les musiciens“ und verabschiedeten uns von unseren rumänischen Gastgebern, dank derer wir unvergessliche Tage im Süd-Osten Europas erleben durften. Die Heimfahrt verlief reibungslos bis auf circa fünf Stunden, die wir an der rumänisch-ungarischen Grenze warten mussten. Vor der Kanti Wattwil angekommen waren alle erschöpft, doch niemand wollte Abschied nehmen. Die Gemeinschaft der „Grossfamilie il mosaico“ ist in dieser Woche noch mehr zusammengewachsen.

Pia Fehle