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1998 1999 2000 2001 2002

Brasilien - Reise ins Land der Gegensätze

Das Jugendorchester ”il mosaico”, das Orchester der Kantonsschule Wattwil und der Musikschule Toggenburg weilte diesen Sommer auf Einladung der Musikabteilung der Universität von Sao Paulo und des Konservatoriums des Staates Sao Paulo, Tatui drei Wochen lang in Brasilien. Die Reise wurde unterstützt durch den Kanton St. Gallen (Departement des Inneren) und das EDA (Eidgenössisches Departement für Auswärtige Angelegenheiten). Die folgenden Reiseberichte fassen Erlebnisse und Eindrücke verschiedener Orchestermitglieder zusammen.

Teil I: Reise ins Land der Gegensätze
Teil II: In Tatuí, der Hauptstadt der Musik
Teil III: Strände, Palmen und das Meer

1. Woche vom 26. Juni – 2. Juli 2000

Verfrühte Abreise mit dem Car
Es freuten sich einige Orchestermitglieder auf diesen Montagmorgen, denn sie dachten, sie könnten noch Geld wechseln, Koffer packen und sich die letzten Sachen besorgen. Doch weil die Flughafenlotsen in Paris streikten, konnten wir nicht wie geplant am Abend dorthin fliegen, sondern mussten am Morgen mit einem Bus nach Paris fahren. Dass wir sehr früh aufgestanden waren, merkten wir schon in Kloten, denn Katharina liess ihr Fagott im Zug liegen. Das Fagott machte später einen Umweg über London und traf gleichzeitig mit uns in São Paulo ein. Der lange Flug verlief ansonsten ohne Zwischenfälle.

São Paulo, die unüberblickbare Weltstadt
Die erste Woche unserer Konzertreise verbrachten wir in der Stadt São Paulo, wo wir verschiedene interessante Besichtigungen mit einzelnen Führungen machten. Mit fünf Konzerten und entsprechenden Vorproben waren wir auch musikalisch gefordert. Am frühen Morgen landeten wir in São Paulo und wurden von Silvia de Lucca in Empfang genommen. Diese brasilianische Komponistin, eine Bekannte von Dirigent Hermann Ostendarp, hat unsere Woche in São Paulo organinisiert. Ebenfalls half sie uns die zwei Wochen darauf mit Tipps und Adressen von Freunden. Das Wetter war nicht gerade sehr winterlich, schon am frühen Morgen war es über 20°C. Auf der langen Fahrt vom Flughafen zu unserer Unterkunft bekamen wir einen ersten Eindruck von São Paulo: Moderne Hochhäuserquartiere wechselten sich mit armen, dreckigen Favelas (Armenvierteln) ab. Die Stadt wirkte auf uns wegen ihrer Grösse chaotisch und undefinierbar. Am Mittag genossen wir das erste Mal brasilianisches Essen, welches uns auf Anhieb schmeckte. Nachher hatten wir Zeit, um in einem typischen brasilianischen Shopping Center Geld zu wechseln und einzukaufen. Nach der Probe am Abend gab es für alle eine Überraschung. Anstatt des geplanten Abendessens in einem Restaurant organisierte Silvia de Lucca ein ”Junifest”, das in Brasilien immer Ende Juni gefeiert wird: Musik, Tanz und spezielle Speisen warteten auf uns.

Konzert in einem Nobelclub
Am nächsten Morgen besichtigten wir die Paulista Avenue, das Finanzzentrum Brasiliens, wo die grössten Banken und Firmen ihre Büros haben. Ein kleines Steinhaus inmitten all dieser Hochhäuser erinnert an frühere Zeiten, als São Paulo noch eine portugiesische Kolonialstadt war. Nach dem Mittagessen in einem brasilianisch-italienischen Restaurant fuhren wir zum ”Paulistano Club”, einem der grössten Clubs für die obere Gesellschaftsschicht. Die reichsten Familien São Paulos vergnügen sich in diesen nach aussen abgeriegelten Clubs mit verschiedensten Freizeitaktivitäten wie Basketball, Schach, Schwimmen, Billard oder Tennis. Die Oberschicht lebt hier in ihrer eigens hergestellten heilen Welt und verschliesst gleichzeitig die Augen vor dem Armutsproblem der Stadt. Nach dem Konzert in diesem Club genossen wir noch ein gutes Essen im Clubrestaurant.

Sala São Paulo, das KKL Brasiliens
Auf dem Programm stand an diesem Morgen die geführte Besichtigung des ”Sala São Paulo”. Dies ist der erste eigentliche Konzertsaal Brasiliens. Er wurde erst im vorigen Jahr eröffnet und erscheint darum wie neu. Mit Hilfe des gleichen Akustikers, der das KKL (Kultur- und Kongresszentrum Luzern) mitplante, wurde in einem ehemaligen Bahnhof ein wunderschöner Konzertsaal geschaffen. Wir durften uns eine Probe des Staatsorchesters anhören und waren von der Qualität des Orchesters und der hervorragenden Akustik sehr beeindruckt. Anschliessend gingen wir weiter durch das alte Zentrum zum Banespa Building, einem Hochhaus, das uns eine herrliche Sicht über ganz São Paulo bot. Das riesige Ausmass dieser Stadt machte uns sprachlos: Häuser, soweit der Blick reichte. Am Abend konzertierten wir im Clube Pinheiros. Dieser Club ist noch grösser als jener vom Vortag, wir sind vom vielseitigen Angebot beeindruckt. Allerdings erfuhren wir im Gespräch mit anwesenden brasilianischen Jugendlichen, dass die Eintrittskosten sich pro Familie auf 50'000 Franken belaufen. Zusätzlich müssen mindestens fünf Mitglieder des Clubs eine schriftliche Empfehlung für diese Familie der Clubleitung übergeben.

Eindrücklicher Besuch in einer Favela
Auf dem Weg zur Favela Heliopolis (grösstes Armenviertel in São Paulo) machten wir zuerst an einem Markt Halt, wo man frische Früchte und CDs kaufen konnte. Der nächste Zwischenhalt erfolgte beim Fussballstadion des FC São Paulo, einem der reichsten Clubs in Brasilien. Das kreisrunde Stadion mit 80’000 Plätzen war natürlich nicht vergleichbar mit dem St. Galler Espenmoos. Als wir dann die Favela erreichten, wurden wir zuerst in der Schule über das Leben in einem Armenviertel informiert. Ziel dieser Schule ist es, die Kinder und Jugendlichen zur Selbstständigkeit in allen Bereichen der Lebensbewältigung (Bildung, Gesundheit, Sozialleben) zu erziehen und ihnen die Rechte der Kinder klar vor Augen zu halten. Das Konzert in der Kirche an diesem Abend war in jeder Hinsicht ganz speziell. Einer der besten Viola-Spieler von São Paulo führte durch das Konzert. Er erklärte den Kindern Name und Funktion der einzelnen Instrumente. Die Kinder versuchten durch lautes Nachsprechen sich die Namen einzuprägen. Als Dankeschön für unseren Auftritt wurden wir von einem Mädchenchor überrascht, der nach unserem Konzert in blauen und weissen Trachten einige Stücke sang. Die Lebensfreude und Dankbarkeit dieser Menschen bewegten uns sehr.

500 Jahre Brasilien
Am nächsten Morgen besichtigten wir die Ausstellung ”500 Jahre Brasilien”. Nachdem wir die brasilianischen Bilder und Skulpturen aus verschiedenen Epochen betrachtet hatten, machten wir uns auf den Weg zum nächsten Konzert, welches ziemlich weit ausserhalb von São Paulo in Guaratinguetá stattfand. Auf dem Hinweg sollten wir eigentlich noch einen Halt bei der grössten Pilgerkirche Südamerikas machen - der Nossa Senhora Aparecida Cathedral. Da wir jedoch verspätet waren, mussten wir uns damit begnügen, die imposante Kathedrale aus weiter Entfernung vom Carfenster aus zu betrachten. Unser Konzert fand an diesem Tag erneut in einer Kirche statt. Einheimische aus allen Bevölkerungsschichten besuchten es, die offenen Türen der Kirche lockten selbst Leute an, die zum Teil noch nie ein klassisches Konzert live miterlebt haben. Der Applaus nach jedem Werk war sehr herzlich. Die Akkustik der Kirche schaffte eine einzigartig festliche Stimmung.

Letztes Konzert in der 20 Millionen Stadt
An diesem letzten Tag in São Paulo hatten wir unser Konzert schon am Morgen, und zwar im renommierten Teatro Alfa, einem grossen Saal, in dem schon viele internationale Stars aufgetreten sind. Nach dem gelungenen Konzert trafen wir noch einmal einige Kinder aus einer Favela, die das Konzert besucht hatten. Als wir das reichhaltige Essen in einer Churrascaria (Fleischrestaurant) genossen hatten, rückte langsam der Abschied von unseren einheimischen Begleitern, die uns mit grösstem Einsatz während einer Woche ganz toll betreuten, und von São Paulo näher: Eine zweistündige Reise nach Tatuí erwartete uns.

Text von Albert Holenstein